Ein unsichtbares Glaubenssystem
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Was ist Karnismus?

Karnismus bezeichnet das unsichtbare Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen. Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy geprägt.

Wortableitung von Karnismus

Karn- leitet sich vom lateinischen Wort Carn- = Fleisch oder aus Fleisch ab. Die Endung -ismus bezeichnet ein Glaubenssystem, eine Ideologie. Unter einer Ideologie versteht man gemeinsame Überzeugungen von Menschen sowie die Praktiken, in denen diese zum Ausdruck kommen.

Tiere essen – (k)eine freie Entscheidung

Die meisten Menschen betrachten den Verzehr von Tieren und tierischen Produkten als eine Selbstverständlichkeit und nicht als etwas, das sie vor eine Wahl stellt. Weltweit denken die Menschen in denjenigen Kulturen, in denen Fleisch, Eier und Milchprodukte gegessen werden, nicht darüber nach, warum der Gedanke an das Fleisch und die Ausscheidungsprodukte (Milch und Eier) mancher Tiere bei ihnen Ekel erregt, während der Gedanke an das Fleisch und die Produkte anderer Tiere ihren Appetit anregt, oder warum sie überhaupt Tiere essen.
Da aber der Verzehr von tierischen Produkten für viele Menschen auf der Welt nicht notwendig ist, handelt es sich hierbei um das Ergebnis einer Entscheidung – und Entscheidungen beruhen immer auf Überzeugungen. Wir merken gar nicht, dass wir unsere Entscheidung diesbezüglich nicht frei treffen - denn schließlich blockiert Karnismus unser Mitgefühl gegenüber sog. Nutztieren, ohne dass wir uns hierüber bewusst sind. Ohne Bewusstsein gibt es keine freie Entscheidung.

Eine gewalttätige Ideologie
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Karnismus – eine dominante und gewalttätige Ideologie

Wieso also wurde dem Phänomen „Karnismus“ bisher kein Name gegeben? Ein Grund dafür ist, dass es schlicht einfacher ist, nur diejenigen Ideologien, die nicht zum kulturellen Mainstream gehören, auch wirklich als Ideologien zu erkennen und entsprechend zu benennen.
Ein weitaus wichtigerer Grund ist jedoch der, dass Karnismus eine dominante Ideologie ist – eine Ideologie, die so weit verbreitet und so tief verwurzelt ist, dass ihre Grundsätze als vollkommen selbstverständlich und vernünftig gelten, als etwas, das „nun mal halt so ist“ – und nicht als eine Reihe weithin geteilter Überzeugungen. Karnismus ist außerdem eine gewalttätige und ausbeuterische Ideologie, die sich auf intensive und unnötige Gewaltausübung gegenüber Tieren gründet.

Über das Leben der "Nutztiere"

Tiere, die zur Gewinnung von Fleisch, Eiern und Milchprodukten genutzt werden, leben und sterben qualvoll. Sie werden in riesigen, schmutzigen, überfüllten, oftmals fensterlosen Tierfabriken geboren. Kurz nach der Geburt werden sie von ihren Müttern getrennt. Ohne Betäubung bekommen sie den Schnabel gestutzt, werden kastriert, enthornt und mit Brandzeichen versehen.
Millionen weiblicher Tiere werden während ihres ganzen Lebens in sogenannten „rape racks“ (engl. für „Vergewaltigungsgestelle“) zwangsbefruchtet, um immer wieder und in kürzester Folge Nachwuchs zu gebären. Die Tiere werden an Fließbändern geschlachtet und zerlegt, wobei die zu hohe Laufgeschwindigkeit dieser Fließbänder es unmöglich macht, alle Tiere vor ihrem Tod richtig zu betäuben. Dies hat zur Folge, dass viele Tiere bei vollem Bewusstsein an Ketten zum Ausbluten aufgehängt werden. Wenn sie auch das noch überleben, werden sie schließlich bei lebendigem Leib verbrüht. Quasi jedes tierische Nahrungsmittel stammt von einem leidensfähigen Wesen, dessen Leben und Tod eine einzige Qual war.
Mehr Informationen zu den Bedingungen, unter denen die verschiedenen Arten sogenannter „Nutztiere“ leben und sterben, finden Sie auf den Seiten des VEBU.

Ein innerer Konflikt
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Wie funktioniert Karnismus?

Die Prinzipien des Karnismus widersprechen den Grundwerten der meisten Menschen, die normalerweise die Ausbeutung Anderer nicht bereitwillig unterstützen und Gewalt gegenüber anderen fühlenden Wesen nicht billigen würden. Um diese Unterstützung dennoch zu erhalten, bedient sich Karnismus verschiedener Strategien.

Ein innerer Konflikt

Bei jenen von uns, die Fleisch und andere tierische Produkte essen, entsteht ein unbewusster innerer Konflikt, der sich aus dem Widerspruch zwischen den eigenen Grundwerten – „Ich will nicht, dass Tiere unnötig leiden“ – und dem eigenen Verhalten – „Ich esse Fleisch“ ergibt. Diesem Konflikt muss Karnismus etwas entgegensetzen, um die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit sicherzustellen. Denn ohne diese Unterstützung würde das System zusammenbrechen.
Deshalb bedient sich Karnismus verschiedener Abwehrmechanismen, die sowohl auf der sozialen als auch auf der psychologischen Ebene greifen. Die Abwehrmechanismen verbergen die Widersprüche zwischen unseren Werten und unserem Handeln. Sie erlauben es uns daher, Ausnahmen von dem zu machen, was wir normalerweise als ethisch inakzeptabel betrachten würden.

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Wie Karnismus uns täuscht

Die karnistischen Abwehrmechanismen können in drei große Kategorien eingeteilt werden: Leugnung, Rechtfertigung und Wahrnehmungsverzerrung. Um uns dem Einfluss des Karnismus zu entziehen und unsere Konsumentscheidungen wirklich frei treffen zu können, sollten wir uns mit diesen auseinandersetzen.

Leugnung

Der primäre Abwehrmechanismus ist das Leugnen, welches sich zum größten Teil in Form von Unsichtbarkeit ausdrückt.

Anzahl getöteter "Nutztiere" in Deutschland

Unsere Konsumentscheidungen sind der Motor einer Industrie, die allein in Deutschland jährlich 754 Millionen Tiere tötet (Fische ausgenommen) und damit einen Umsatz von 37 Milliarden Euro erzielt. Ein Deutscher verbraucht in seinem Leben im Schnitt 1.094 Tiere, darunter 4 ganze Rinder, 4 Schafe, 12 Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Die Gewinnmargen in der Fleischindustrie sind gering, deshalb versuchen die Unternehmen die Produktionszahlen zu steigern – d.h. sie versuchen mehr Fleisch in kürzerer Zeit und zu geringeren Kosten zu produzieren. Dies geht zu Lasten der Tiere, deren Lebens- und Sterbebedingungen hierdurch verschlimmert werden.

Quellen:
Heinrich-Böll-Stiftung: Fleischatlas 2014, http://www.boell.de/de/fleischatlas
http://de.statista.com/statistik/faktenbuch/84/a/branche-industrie-markt/lebensmittelindustrie/fleischwarenindustrie/

Zu den Opfern gehören außerdem die meisten von uns – die Konsumierenden tierischer Produkte (Fleisch, Milch, Eier) – die einem erhöhten Risiko für einige der gefährlichsten Zivilisationskrankheiten ausgesetzt sind und die darauf konditioniert wurden, sich psychisch und emotional von ihrem tatsächlichen Erleben zu distanzieren, sobald es um das Essen von Tieren geht.

Rechtfertigung

Leugnen stellt aber nur einen Abwehrmechanismus des Karnismus dar, denn schließlich ist es unmöglich, die Wahrheit vollständig zu verschleiern. Wenn also Leugnen, welches auf Unsichtbarkeit basiert, zwangsläufig unzureichend ist, benötigt Karnismus zusätzliche Unterstützung. Dementsprechend ist ein weiterer Stützpfeiler die Rechtfertigung des Essens von Tieren. Diese Rechtfertigung erfolgt dadurch, dass Mythen, die sich um Fleisch (und andere Tierprodukte) ranken, als Fakten präsentiert werden. Im Zentrum stehen dabei die Drei Ns der Rechtfertigung: Tiere essen sei normal, natürlich und notwendig. Die Drei Ns sind institutionalisiert, das heißt sie werden von allen bedeutenden sozialen Institutionen – von der Familie bis zum Staat – akzeptiert und aufrechterhalten. Es dürfte kaum überraschen, dass sie im Lauf der Menschheitsgeschichte auch dazu gedient haben, andere gewalttätige und ausbeuterische Systeme (wie z.B. die Sklaverei oder männliche Dominanz) zu rechtfertigen.

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Durch einen Klick auf die folgenden Sätze erfahren Sie mehr zu den Drei Ns der Rechtfertigung:

Tiere essen ist normal

Tiere essen ist natürlich

Tiere essen ist notwendig

Wahrnehmungsverzerrung

Ein weiterer Abwehrmechanismus des Karnismus besteht darin, unsere Wahrnehmung von Fleisch, Eiern, Milchprodukten und den Tieren selbst so zu verzerren, dass ein unbeschwerter Konsum ermöglicht wird. Entsprechend gewöhnen wir uns beispielsweise daran, Nutztiere als Objekte zu betrachten (so bezeichnen wir z.B. ein Huhn als ein Etwas und nicht als einen Jemand) und als Abstraktionen wahrzunehmen, denen jegliche Persönlichkeit und damit Individualität fehlt (so glauben wir z.B., ein Schwein sei einfach ein Schwein, und alle Schweine seien gleich). Karnismus bringt uns bei, starre Kategorien in unserer Vorstellung zu etablieren, die es uns ermöglichen, sehr unterschiedliche Gefühle und Handlungsweisen gegenüber unterschiedlichen Spezies aufrechterhalten zu können (so haben etwa Kühe den Status von Nahrungsmitteln und Hunde den von Familienmitgliedern).

Mit anderen Augen sehen
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Die karnistische Brille abnehmen

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Abwehrmechanismen, die sich mit den hier genannten überschneiden und diese stützen. Letztlich aber dienen sie alle nur einem einzigen Zweck: unser Bewusstsein und unser Mitgefühl zu unterbinden, wenn es um „essbare“ Tiere und die aus ihren Körpern hergestellten Produkten geht. Wenn wir uns diese karnistischen Strategien bewusst machen, werden wir weniger empfänglich für deren Einfluss. Dies ermöglicht es uns, aus dem System auszutreten und das Thema „Tiere essen“ mit eigenen Augen und nicht durch die Brille des Karnismus zu betrachten.

Warum Tiere essen eine Angelegenheit sozialer Gerechtigkeit ist

Die Unsichtbarkeit des Karnismus lässt das Essen von Tieren eher als bloße Frage der persönlichen Moral erscheinen und nicht als das, was es eigentlich ist: das unvermeidliche Ergebnis eines tief verankerten Unterdrückungssystems. Karnismus gleicht strukturell anderen gewaltvollen -ismen, wie z.B. Rassismus, Sexismus und Heterosexismus, welche auf der Unterdrückung bestimmter Gruppen von „Anderen“ basieren. Während die Erfahrungen der Opfergruppen jeweils spezifisch und in diesem Sinne einzigartig sind, sind die der Unterdrückung zugrunde liegenden Ideologien ähnlich strukturiert, weil die Geisteshaltung, die eine solche Unterdrückung ermöglicht, dieselbe ist.
Wenn es uns nicht gelingt, den gemeinsamen roten Faden zu identifizieren, durch den alle Unterdrückungssysteme miteinander verwoben sind, dann werden wir bloß eine Form der Unterdrückung durch eine andere ersetzen. Daher müssen wir, wenn wir eine humanere und gerechtere Gesellschaft schaffen wollen, Karnismus mitberücksichtigen.